St. Helena - Tauchen und Wandern im Südatlantik, Woche 2

März 2025

Tag 10: SA, 29.03., Frontier, Devil's Playground, Blue Point

Unsere zweite Tauchwoche startet mit einem Abstieg am Wrack der Frontier. Der Hochseetrawler lief am Heiligabend 1990 in St. Helena ein, um Hilfe bei der Reparatur eines Wasserrohrbruchs zu suchen. Es stellte sich jedoch heraus, dass sich an Bord Haschisch im Wert von rund 15 Mio. Pfund befand. Der Kapitän wurde verhaftet und im Juli 1991 zu neun Jahren Haft verurteilt. Das Schiff wurde von der Polizei beschlagnahmt und schließlich am 14. Dezember 1994 vor Lemon Valley als künstliches Riff versenkt. Das 50 m lange Schiff liegt in 26 m Tiefe auf der Backbordseite und beherbergt die üblichen Verdächtigen. In Sichtweite des Kutters befindet sich ein kleines Korallenriff, dessen Erkundung aber auch keine nennenswerten Lebensformen zutage fördert. Netterweise schaut dann aber ein neugieriger Mobula vorbei, der uns während der letzten 20 Minuten Gesellschaft leistet. Immer wieder pendelt er zwischen den einzelnen Tauchern hin und her und nimmt ein Blasenbad. Mega!

Der zweite Platz Devil's Playground zeichnet sich durch Tunnel und Überhänge aus, in denen Fantastillionen von Großaugenbarschen hausen. Womit alles zum zweiten Tauchgang gesagt wäre.

Um 14:30 Uhr versuchen wir es nach dem Fiasko von vorgestern ein zweites Mal mit der Wanderung zum Blue Point – diesmal zu sechst und mit vorbildlich aufgepumpten Autoreifen. Der Wanderausflug stellt sich wie folgt dar:

On The Go Map

Nach dreieinhalb Stunden lesen mich Jürgen und Silke schließlich mit dem Auto auf der Straße auf, womit unsere kurzweilige Nachmittagsexkursion ihr Ende findet und wir uns der Abendgestaltung widmen können. Also Essen, Drinks, Quatschen, Fotos.

Tag 11: SO, 30.03., Artificial Reef, Sugar Loaf Drift, Sharks Valley

Auf einer Insel von nur 122 km² gibt es nicht viel Platz, um alte Autos zu lagern, wenn sie das Ende ihrer Lebensdauer erreicht haben oder irreparabel beschädigt sind. Früher wurden alte Autos auf St. Helena daher gereinigt, alle Schadstoffe entfernt und dann in einem Meeresgebiet vor Breakneck Valley versenkt. Dieser U/W-Autofriedhof firmiert unter dem Namen Artificial Reef, das wir uns am Morgen von Tauchtag 11 anschauen. Schwärme von Großaugenbarschen und Meerbarben streunen um die Autowracks. Langusten und Muränen halten sich zwischen dem Altmetall versteckt. Am Ende schaut wieder ein Mobula vorbei, der aber nicht ganz so zutraulich ist, wie sein Kollege gestern.

Anschließend fahren wir zum ersten Mal zu einem Tauchplatz, der östlich von Jamestown liegt. Wir springen unterhalb der alten Wehranlagen am Sugar Loaf und paddeln dann Richtung Westen. Eigentlich sollte es ein Drift Dive werden, aber da es absolut null Strömung hat, kommt der Vortrieb nur durch unsere Flossen zustande. Der Erfolg der Aktion ist überschaubar. Das Spannendste ist noch ein Felsen-Zackenbarsch, der sich mit einem Trompetenfisch scheinbar zu einer Jagdgemeinschaft assoziiert hat.

Am Nachmittag ist wieder Wandern angesagt. Zu viert fahren wir auf neuerliche Empfehlung von Heidi aus dem "Mantis" in den Osten der Insel, um den Sharks Valley Trail in Angriff zu nehmen, der sich in der folgenden Fotostory präsentiert:

On The Go Map

Gegen 17 Uhr sind wir zurück in Jamestown. Da der Sharks Valley Trail größtenteils ein leichter Spaziergang ist, habe ich noch Energie übrig und beschließe, mich der Jakobsleiter mal in sportlicher Form zu stellen. Sprich: Ohne Stopp, so schnell wie möglich hoch und die Pumpe zum Anschlag bringen. Am Ende bleibt die Uhr bei 10:40 min stehen und ich frage mich, ob ich es nicht auch in einstelliger Minutenzahl schaffen kann. Der Ehrgeiz ist jedenfalls geweckt, obwohl die Lunge gerade brennt wie ein wild loderndes Osterfeuer. Die Erholungspause zum Genießen der Aussicht fällt daher heute besonders lange aus. Zum Glück ist auch Sonntag, sodass wir uns nach getaner Freizeit wieder am Hafen bei Skipps zum Tagesausklang treffen können.

Tag 12: MO, 31.03., Torm's Ledge, Cat Island, Jacob's Ladder

Auf vielfachen Fotografenwunsch fahren wir für den Gelbrücken-Zwergkaiser nochmal zu Torm's Ledge. Die starke Dünung, die uns auch in 25 m Tiefe noch hin und her schmeißt, macht die Erkundung aber schwierig und das Fotografieren fast unmöglich. Ein wunderschöner, kleiner, roter Riffhummer rettet am Ende den ansonsten vergessenswürdigen Tauchgang.

Unser zweiter Tauchplatz, Cat Island, ist eine kleine, direkt an der Küste liegende Insel, die über einen Unterwasserrücken mit dem Lighter Rock verbunden ist. Der einstündige Tauchgang verläuft ohne besondere Vorkommnisse; am Ende findet ein "na ja, nicht besonders aufregend" den Weg ins Logbuch.

Der Nachmittag steht ganz im Zeichen des Walhaischnorchelns. Zumindest ist das der Plan. Mit einer kleinen Yacht, die etwas mehr Platz bietet als das Schlauchboot, mit dem wir zum Tauchen fahren, gondeln wir die Küste rauf und runter, erst nach Westen, dann nach Osten. Helfen tut's nichts. Dreieinhalb Stunden sind wir unterwegs, ohne eine müde Walhaiflosse zu sichten. Immerhin hatten wir eine schöne Sightseeing-Tour und die Gelegenheit, etwas braun zu werden.

Da durch das Fernbleiben der Walhaie die körperliche Auslastung heute etwas auf der Strecke geblieben ist, beschließe ich, in der kühlen Abendluft das Projekt "Sub-10" an der Jakobsleiter in Angriff zu nehmen. Beim Ironman hat's nie geklappt, 10:18 Std. stehen da als Bestzeit. Ich starte etwas langsamer als gestern in der Hoffnung, dass mir hinten raus nicht wieder die Lunge wegbrennt. Die Taktik geht auf, nach 9:58 min erklimme ich bei einsetzender Dunkelheit die 699. Stufe. Das ist zwar doppelt so lange, wie der Rekord, den seit letzten November ein gewisser James Appleton mit 4:41 min hält. Man soll sich aber auch nicht mit wahnsinnigen Freaks vergleichen.

Tag 13: DI, 01.04., Frontier, Banks Battery, High Peak, Peak Dale & Lot, Heart Shaped Waterfall

Wie schon vor drei Tagen starten wir erneut an der Frontier. Da ich diesmal mit dem Kit-Objektiv statt mit dem Weitwinkel unterwegs bin, ignoriere ich das Wrack und betreibe an dem naheliegenden Korallenriff Fischfotografie. Neuentdeckungen sind aber nicht dabei. Wie bestellt, taucht auch heute der Mobula zum Ende des Tauchgangs hin auf und bespaßt und noch ein bisschen.

Anschließend starten wir unseren zweiten Versuch, östlich von Jamestown einen Drift Dive durchzuziehen. Diesmal klappt es auch ganz gut: Wir springen an Banks Battery und tauchen mit der Strömung zurück bis in den Hafen. Unterwegs hat es an einzelnen Riffabschnitten ordentlich viel Fisch, vor allem Schwärme von Füsilieren, Meerbarben und den unvermeidlichen St-Helena-Faltern. Kann man so machen, aber ein Mal reicht für meinen Geschmack dann auch.

Am Nachmittag ist großer Wandertag, wir haben uns ein straffes Programm mit gleich vier verschiedenen Routen vorgenommen. Wobei die alle nicht besonders lang sind. Zunächst erklimme ich mit Silke und Jürgen den High Peak. Der Aufstieg von dem Picknickplatz, den wir schon zweimal als Drohnen-Startplatz missbraucht haben, dauert ziemlich genau 7 Minuten. Aber selbst dafür gibt es noch einen Stempel und man hat einen schönen Blick auf die Umgebung.

Einen Kilometer die Straße rauf startet der Peak Dale Trail, den ich nach der Bezwingung des High Peaks mit Birgit und Gerhard in Angriff nehme:

On The Go Map

Alles in allem ist Peak Dale ein schöner Trail, aber vom Ambiente auch recht europäisch angehaucht. Eigentlich müssten wir jetzt 3 Kilometer über die Straße zurück zum Ausgangspunkt laufen, aber da ich diese Strecke an Tag 10 schon nach der Tour zum Blue Point gelatscht bin, bin ich sehr froh, dass Gerhard im Vorfeld seinen Mietwagen hier geparkt hat und wir direkt weiter zum letzten Akt unseres Wandertags übergehen können: Wir fahren nach "The Briars", an dessen Westrand der Weg zum Heart Shaped Waterfall startet. Mit ein bisschen Fantasie ist von Weitem auch der herzförmige Ausschnitt in der Steilwand zu sehen, der der Sehenswürdigkeit ihren Namen gibt. Nur den Wasserfall muss man sich dazudenken, denn die meiste Zeit des Jahres tröpfelt nur ein trauriges Rinnsal die Wand herunter. So ist es auch bei uns, als wir nach 900 m Ab- und Wiederaufstieg das Ende des Pfades erreichen. Ist aber nicht schlimm, denn schon das Wandern auf dem schmalen Pfad durch den Wald mit vielen endemischen Baumarten erfreut das Herz des Outdoor-Liebhabers. Höhepunkt sind vielleicht einige am Wegesrand stehende Exemplare des "Bastard Gumwood"-Baums, dem seltensten Baum des Planeten, der seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts als ausgestorben galt. Dann wurde im Jahr 1982 ein einzelnes Exemplar bei Horse Pasture entdeckt, sowie 2009 ein zweites Exemplar an einem Steilkliff bei Botleys. Mit den Samen dieser beiden Exemplare wurde ein Rettungsprogramm gestartet, sodass es heute wieder ca. 150 Exemplare im Wald am Heart Shaped Waterfall gibt. Diesen Überlebenskünstler muss ich einfach umarmen, bevor wir nach 45 Minuten wieder am Auto sind.

On The Go Map

Tag 14: MI, 02.04., Bait Dive, Billy May's Revenge, Lemon Valley

Heute versuchen wir mal was, an dem sich die Geister scheiden: Köder-Tauchgang irgendwo tief im Westen. Nicht mit Tonne oder Box, sondern Craig nimmt einfach ein paar Tunfisch-Köpfe mit, die er unter Wasser zerrupft und unter den Armen verteilt. Der Erfolg der Aktion ist allerdings überschaubar, zumindest, wenn das Ziel der Übung war, irgendwas mit dreieckigen Flossen anzulocken. Zuerst zeigen sich noch ein paar Bernsteinmakrelen, aber schon nach kurzer Zeit übernimmt eine Horde Rundmakrelen das Kommando. Sie sind die einzigen, die im weiteren Verlauf Interesse an der leichten Mahlzeit zeigen. Überhaupt überrascht es mich, dass wir während unserer zwei Tauchwochen bis auf die drei Walhaie und den einen versprengten Hammerhai keinen einzigen Hai gesehen haben. Rund um eine kleine Insel mitten in den Weiten des Atlantiks hätte ich schon gedacht, dass man vielleicht mal einen Seiden- oder Galapagoshai vor die Linse bekommt, aber niente.

Ohne Überraschungen verläuft auch unser zweiter Tauchgang an Billy May's Revenge, wo wir ja am ersten Tauchtag schon waren. Was nicht abwertend zu verstehen ist, denn aufgrund des Fischreichtums ist auch unser zweiter Besuch recht kurzweilig. Es gibt halt nur nichts zu sehen, was wir nicht schon hatten.

Nachdem wir letzte Woche Montag den Lemon Valley Trail noch total planlos angegangen sind, versuchen wir es für unsere nachmittägliche Wandereinheit dieses Mal mit einer strukturierten Vorgehensweise:

On The Go Map

Nachdem wir den Ausblick genug genossen haben, sammelt uns Craig mit dem Boot ein und bringt uns zurück nach Jamestown. Und wie es so ist: Die größten Überraschungen kommen immer, wenn man sie nicht erwartet. Fast schon im Hafen angekommen, taucht ein Walhai neben dem Boot auf. Wo bitte warst Du vorgestern? Wir hüpfen natürlich sofort in Unterhose ins Wasser, aber der Kollege ist im Schwimm-Modus und ohne Flossen ist das Folgen ein aussichtsloses Unterfangen. Nichtsdestotrotz rundet die Begegnung unseren schönen Nachmittagsausflug perfekt ab.

Tag 15: DO, 03.04., Bouy's Hole, Fishy Reef, BBQ

Für unseren letzten Tauchtag hat sich Craig noch ein besonderes Schmankerl aufgehoben: Buoy's Hole, der östlichste Platz, den wir während unseres Aufenthalts ansteuern. Er wartet mit mehreren, teils übereinander liegenden, verwinkelten Tunneln auf, die wir während des einstündigen Tauchgangs mehrmals durchtauchen. Fischtechnisch ist der Platz nur Standard, aber topografisch vielleicht der beste, den wir gesehen haben.

Einen Heidenspaß - vor allem für Fotografen - macht auch das ein paar Meter weiter westlich gelegene Fishy Reef. Der Name ist Programm; was sich hier auf 20x60 m Fläche tummelt, ist schon erstaunlich. Vor allem muss man aufpassen, nicht in irgendeinen Drachenkopf zu greifen. Überall liegen sie herum, mindestens zwei Dutzend zähle ich während des Tauchgangs. Highlight ist aber ein verspielter Occi, der sich so gar nicht von Jürgens GoPro-Stick trennen möchte und ihn als Spielkamerad adoptiert. Ein sehr schöner Abschluss der 23 Tauchgänge der vergangenen zwei Wochen.

Am Nachmittag findet die Abschlusskundgebung in Form eines Barbecues auf Rosemary Plain statt. Der Staff des Blue Lantern fährt ordentlich auf und grillt, was die Kohle hergibt. Dazu genießen wir ein paar kühle Windhuk Lager, mein Favoriten-Bräu im Süden Afrikas.

Der Urlaub wäre nicht komplett, ohne die Jakobsleiter einmal im Dunkeln gegangen zu sein. Die Treppe ist auch gut beleuchtet, sodass Auf- und Abstieg kein Problem sind, wenn man nicht gerade nachtblind ist. Mit dem fünften Besuch ist mein Bedarf an Jakobsleiter jetzt aber auch gedeckt.

Tag 16: FR, 04.04., Sandy Beach, Lot's Wife Ponds

Der Vormittag unseres letzten Tages steht ganz im Zeichen eines gemeinsamen Ausflugs in die Sandy Bay im Süden der Insel. Keith hat uns gebeten, dort nicht mit dem Mietwagen hinzufahren, da es auf der einspurigen, viereinhalb Kilometern langen Serpentinenpiste zum Strand so gut wie keine Ausweichmöglichkeiten gibt. Wenn man Pech hat, muss man einen Kilometer rückwärts fahren, um den Gegenverkehr vorbeizulassen. Stattdessen karren Keith und Craig uns heute mit Bus und Jeep dorthin. Während die meisten Teilnehmer sich nur die Füße am Strand vertreten, startet eine Splittergruppe die Wanderung zu den Lot's Wife Ponds. Hierbei handelt es sich um natürliche Meerwasser-Pools im Vulkangestein unterhalb von "Lot's Wife", einem markanten Fels in Sichtweite des "Lot", wo wir vor drei Tagen waren. Details der Wanderung entnehme der interessierte Leser der nachfolgenden Fotostory.

On The Go Map

Um 15:30 Uhr sind wir zurück in Jamestown. Zeit, das Gerödel von der Tauchbasis zu holen und zu packen. Anschließend gibt es - Freitag sei Dank - noch ein paar Bier bei Skipps und wir genießen den letzten Sonnenuntergang, bevor wir uns beim finalen Abendessen nochmal bei Anne die Bäuche vollschlagen.

Tag 17: SA, 05.04., Jamestown → Johannesburg

Um 10:30 Uhr werden wir zum Flughafen kutschiert. Nach dem obligatorischen Gruppenbild und einem letzten Erinnerungsfoto hebt Airlink Flug 4Z132 pünktlich um 14:30 Uhr ab. Ich werfe noch einen leicht wehmütigen Blick zurück auf das kleine Eiland im Atlantik und sinniere über das Fazit: Als reinen Tauchurlaub würde ich St. Helena niemandem empfehlen, der nicht schon alles gesehen hat. Dafür ist die Anreise zu aufwändig und die Tauchplätze sind zwar fischreich und bestechen mit atlantischem Charme, bieten aber nach ein paar Tagen auch keine große Abwechslung mehr. Für mich hat die Kombination aus gutem Tauchen und erstklassigem Wandern, die unfassbar freundlichen Einheimischen und die damit verbundene entspannte Atmosphäre auf der ganzen Insel St. Helena zu einem einzigartigen Reiseziel gemacht. Wer also seine Beine nicht Bye bye, St. Helena! unbedingt nur unter Wasser bewegen will, dem sei St. Helena wärmstens empfohlen. Das Gleiche kann ich auch von Waterworld für die perfekte Organisation und Betreuuung vor und während der Reise sagen.

Mit derlei Gedanken döse ich weg und freue mich auf die letzte Etappe der Reise, die knapp fünf Stunden später in Johannesburg beginnt.

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